Mein roter Faden

Die Linie zieht sich über den kleinen Bildschirm vor mir, von oben links nach unten rechts, leicht verspiegelt sehe ich, wie der blaue Punkt auf dieser vorgegebenen Route meine Position angibt. Sie ist der rote Faden des täglichen Strampelns, führt mich von Start zu Ziel und leitet den Weg durch unbekannte Landschaften. Meist tun mein Handy und die runtastic App dies mit ziemlicher Präzision und lassen mir Energie zum in die Pedale treten. Nur selten ist das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, in der Realität nicht wieder zu erkennen, nicht existent, oder nicht befahrbar. Letzteres kommt seit Neuestem öfters vor, hat dabei jedoch auch den Effekt, dass ich die Definition von „nicht befahrbar“ zu „könnte man machen“ gedehnt habe.

Entlang der Elbe radelt man fast ausschließlich auf Radwegen, teils auf kleinen Straßen, aber immer auf gutem Untergrund. Man regt sich über Kopfsteinpflaster auf, oder wenn Strecken allzu lange unbefestigt sind, was in Deutschland lediglich bedeutet, dass man auf sehr gut zu fahrenden Schotterwegen rollt. In Österreich gibt es breite asphaltierte Radwege mit Autobahncharakter, in der Slowakei fuhr ich zumeist auf abgesperrten Straßen, die nur von Fahrrädern befahren werden dürfen. Der reinste Luxus! In Ungarn wandelte sich dies langsam. Ab und an ähnelten die Wege denen Österreichs, neuer Teer mit gelber Markierung und ich deren alleiniger Benutzer. Dann urplötzlich endet der durch EU-Mittel finanzierte Asphalt im Gras. Ende der Fahnenstange, beziehungsweise des Fahrvergnügens. Die Beschilderung gibt dem Rätsel dann auch keine Lösung, also muss wieder mein kleiner roter Faden den Weg weisen. In Kroatien fuhr ich auf bestem Asphalt auf Straßen unterschiedlicher Größe und Verkehrsdichte, in Serbien teils auf Straßen, teils auf abenteuerlichen Farmwegen. Die fehlenden Wegmarkierungen ignoriere ich dank der zur Verfügung stehenden Technik. Der rote Faden leitet mich über Stock und Stein, im wahrsten Sinne des Wortes. Teilweise denke ich mir, könnte ich auch direkt durch die Weizenfelder oder die Donauauen fahren, so wenig ist vom Weg zu erkennen, aber egal wie, ankommen tue ich immer.

Die Erschütterungen abseits der asphaltierten Wege setzen allerdings dem Rad zu. Schrauben lösen sich und bleiben irgendwo zwischen den Schottersteinen liegen. Heute musste ich zwei Schrauben des Gepäckträgers ersetzen, Ersatz werde ich hoffentlich morgen in Belgrad finden. Die Gepäckträgerbefestigung ist verbogen und muss nach halber Strecke erneuert werden. Ich merke, dass mein Rad nicht wirklich für diese Art von Wegen gebaut ist, umso mehr freue ich mich über das dänische Straßenrad, wenn es auf Asphalt dahingleitet, sich locker 24, 26, 28 km/h treten lassen, die große Kurbel langsam dreht und der blaue Punkt fröhlich auf dem roten Faden tanzt. Dann fresse ich Kilometer, komme Istanbul spürbar näher, die Landschaft fliegt an mir vorbei, und das Abrollgeräusch der dünnen Reifen surrt einen feinen Ton dazu.

Von Budapest führte mich die rote Linie nach Paks, wo ich bei Marina unterkam. Marina ist eine 53 jährige Nuklearingenieurin aus Russland und arbeitet im örtlichen Atomkraftwerk. Ich war höflich und habe Energiealternativen nur am Rande angesprochen – sie sieht den deutschen Atomaustieg aus ökonomischer und ökologischer Sicht als falsch an. In Mohacs durfte ich bei Alexandra und ihrer Familie nächtigen. Statt schwieriger Themen standen kalte Getränke am Donauufer und eine nächtliche Radtour bei Vollmond auf dem Programm. In Osijek lief ich mit Olja durch die ganze Stadt, aß hier ein Eis, trank dort einen Wein, und zu guter Letzt gab es noch Cevapcici, schließlich war ich in Kroatien angekommen. Couchsurfing wird hier meist so interpretiert, dass der Gast im Bett schläft, während der Gastgeber auf die Couch ausweicht. Die Gastfreundschaft ist großartig und die Menschen sowieso. Osijek und Novi Sad sind bemerkenswerte Städte, mit einem schönen Mix aus Alt und Neu, vielen Grünflächen, noch mehr Menschen auf den Straßen und am Flussufer. Ich bin froh, dass ich mit dem Rad reise, sonst wäre ich hier wohl nie hergekommen.

Nun sieht es der rote Faden vor, dass ich in Belgrad halt mache. Zehn Tage lang wird mein Drahtesel ruhen dürfen, während ich im ehemaligen Jugoslawien per Bus und Bahn reise. Eine Abwechselung, die ich willkommen heiße!

MohnMohnMohnWhen roads end my path continuesInto the Wild?Willkommen in KroatienWillkommen in SerbienSchatten frisst SchotterDonauauenDonauauenSerbisches RadlerKirchturm vs Ballontraube