Das Radeln der Anderen

Mein Blick schweift über den Dojran See, ein kleines, feines Ferienparadies für Einheimische an der griechisch-mazedonischen Grenze. Auf der gegenüberliegenden Seite des tiefblauen Sees ragen steil die Berge gen Himmel, diesseits tummeln sich die Urlauber, spielen Volleyball, schlendern die Strandpromenade entlang, oder sitzen in einem der vielen Cafés und schnabulieren. Es ist nicht überfüllt, es ist gerade richtig. Es ist nicht protzig schön, aber doch irgendwie ganz gut. Auch ohne die Stümmelpalmen, die erst kürzlich gepflanzt wurden, um dem Ort ein wenig tropisches Flair zu geben.

Heute kam mir Thilo entgegen. Thilo radelt zwei Wochen durch Bulgarien und war auch sonst schon fast überall. Thilo fährt ein Koga Rad und hat unheimlich viel Gepäck dabei. Ich hatte ihn bereits auf meiner Etappe von Sofia nach Kyustendil überholt, und nun war er spontan aufgrund des besseren Wetters nach Westen, also Mazedonien, abgebogen, statt wie geplant nach Osten. Auch so kann man es machen. Nach kurzem Austausch der Erfahrungen pedalierte er also weiter in die Richtung, aus der ich kam. Thilo ist nicht der einzige, der meine Wege kreuzte. Entlang der Elbe waren noch soviele Radfahrer unterwegs, dass man es mit einem kurzen Hallo oder auch nur mit einem freundlichen Nicken belassen hat, Gespräche gab es höchstens beim Pausenplatz. Etwa in Ungarn nahm die Radfahrerdichte entscheidend ab, so dass beim Aufeinandertreffen schon Händeschütteln und ein kurzes Gespräch angesagt waren. Trotzdem gab es noch durchschnittlich zwei solcher Treffen am Tag.

Erinnern tue ich mich an die zwei Iren, auf die ich an der ungarisch-kroatischen Grenze traf. Wir radelten ein Stück zusammen, trennten uns wieder und trafen uns am nächsten Tag beim Mittagspausenplatz wieder, abends waren wir dann in der selben Jugendherberge in Novi Sad. Sie waren auf dem Weg von Stuttgart nach Bukarest und hatten ziemlich mit der Hitze zu kämpfen. In Tschechien fuhr ich einige Kilometer an der Seite von Niklas aus Dänemark, bis wir uns ins Gespräch vertieft verfuhren. Er wollte sich weiter durchschlagen, ich entschied mich, einen Kilometer zurück auf die bekannte Route zu fahren. Als ich im großen Bogen um ein eingezäuntes und von Hunden bewachtes Industriegelände wieder an die Donau radelte, war klar, dass sein Durchschlagen keinen Erfolg haben konnte. Ich hoffe, er ist wieder auf den rechten Weg nach Bosnien gekommen, wo er sich mit vier Kumpels treffen wollte, die es vorzogen, mit dem Auto zu fahren. Am Eisernen Tor bin ich auf einen Deutsch-Polen getroffen, der mit seinem Liegerad von Köln zum Schwarzen Meer und über die Ukraine und Polen wieder zurück wollte. „Licht an und ab durch Elbtunnel!“, rief er mir vor einem der vielen unbeleuchteten Tunnels zu. Auf dem Weg nach Skopje kam mir ein Kanadier entgegen, der in Paris losgefahren war und die Adriaküste bereits hinter sich gelassen hatte, um nun entlang der Donau wieder zurückzureisen. Sein Rad war ein Kunstwerk ob der vielen Gummibänder, mit denen er scheinbar jeden einzelnen Gegenstand fest gezurrt hatte. Wielange er wohl morgens braucht, bis er alles am Rad hat? An der bulgarischen Grenze traf ich zwei Franzosen, die seit sechs Jahren etappenweise den Eurovelo Radweg vom Atlantik zum Schwarzen Meer abfahren. Kurz darauf am Bahnhof von Viddin wartete ein Deutscher auf den Zug nach Sofia. Seine Rohloff Gangschaltung hatte irreparabel den Geist aufgegeben, und er wollte nun sein Rad von Sofia nach Hause schicken, um per Zug sein Ziel Istanbul zu erreichen. Wir saßen im Zug zusammen und tauschten Erfahrungen aus. Er tat mir unheimlich leid.

Viele Radler, alle mit ihrem eigenen Stil, ihrem eigenen Ziel und ihren Träumen und Gedanken durchstreifen Europa und die Welt. Langsam und stetig kommen sie voran, wie ich auch. Manche mit mehr Gepäck, manche mit mehr Gedanken, aber alle treten sie in die Pedale. Ich wünsche Ihnen allen Alles Gute. Mir auch.

Ach, was mir noch auffiel:

  • Die meisten reisen mit Helm. Eine Sache, die in meinen Dickschädel nicht rein will. Was ich allerdings auch nicht verstehe ist, wie der Helm schützten soll, wenn er hinten an die Packtaschen geschnürt ist.
  • Frauen scheinen außerhalb Deutschlands und Österreichs nicht Radzufahren. Seit der slowakischen Grenze habe ich keine Frau beim Radreisen gesehen. Schade eigentlich!
Die Landschaft wandelt sichMazedonienMazedonienZypressenHalloSie haben uns ein Denkmal gebaut.... SkopjeSkopje MuseumPristinaMoschee in PristinaBibliothek EnterprisePanoramaMazedonischer Wein