Kolumbien

Bleibt alles anders!

03.03.2012 – Torge

Irgendetwas hat sich verändert.

Es ist nicht die Sprache, die vom in Brasilien gesprochenen Portugiesisch wieder ins Spanische gewechselt hat. Es sind nicht die Preise, die nach den teuren Ländern Argentinien, Chile und Brasilien wieder aufs Niveau von Peru gesunken sind, was uns sichtbar glücklich macht. Es sind auch nicht die doch recht kühlen Temperaturen oder die dünne Luft auf 2640m in Bogota.

Wir stehen am Flughafen, sind ziemlich gerädert nach einer kurzen Nacht und langem Reise-Hickhack am Flughafen Sao Paulo. Wir suchen trotzdem nach dem günstigen Bus, statt einfach ins Taxi zu steigen. Als wir schließlich den richtigen Bus gefunden und eingestiegen sind, lässt der Fahrer uns wissen, dass er nicht genügend Wechselgeld für unsere 20.000 Pesoscheine hat (umgerechnet 10 Euro). Etwas gefrustet stehen wir an der Bushaltestelle und beschließen auf den nächsten Bus zu warten, als eine Frau uns anspricht, Geldscheine wedelt und etwas von Dollars faselt. Angenervt ob der vielen dubiosen Angebote an touristischen Orten winken wir ab und sagen, wir hätten keine Dollar. Es stellt sich jedoch heraus, dass sie uns die notwendigen 3.000 Pesos für zwei Bustickets schenken möchte. Etwas peinlich berührt steigen wir in den Bus und bezahlen den Fahrer.

Entspannt essen wir gerade die besten Empanadas Südamerikas, mit Abstand, unsere Gaumen sind unser Glückes Schmied. Fritierte Teigtaschen mit diversen unterschiedlichen Füllungen und eine reichliche Auswahl an Soßen, frisch zubereitet, ergibt eine Delikatesse – absolut empfehlenswert. Das Pärchen vom Nachbartisch blinzelt immer wieder zu uns herüber und beobachtet uns beim Schlemmen. Zum Abschied fragen wir den Wirt, ob wir ihn und seinen Laden fotografieren dürften, ein Selbstverständnis antwortet er stolz. Beim Rausgehen ruft nicht nur er uns ein lockeres Chau hinterher, sondern auch die drei Mädchen, die gerade das Lokal betreten haben, winken uns hinterher.

Ein Ausflug auf den Berg Montserrat bietet uns eine Aussicht über die gesamte Stadt Bogota, der Dunst verschleiert die Aussenbezirke. Wir sind mit dem Teleferico, der Seilbahn hochgefahren, immer wieder kommen auch Jogger keuchend am Aussichtspunkt an, die die Strecke zur körperlichen Ertüchtigung zu Fuss zurücklegen. Wir sind auch so schon aus der Puste bei 3200m. Ein Pärchen kommt auf uns zu und zeigt auf die Kamera, Chris macht sich bereit, ein Panoramabild von den beiden zu knipsen. Er hat sich jedoch getäuscht, statt hinter der Kamera soll er und ich vor der Kamera stehen. Das Mädchen will ein Bild mit uns beiden haben, ihr Freund lichtet uns drei freudestrahlend ab.

Wir laufen durch die Straßen von Bogotas Zentrum. Gruppen von in Schuluniformen gekleideten Jugendlichen kichern an der Strassenecke. Immer wieder fällt das Wort Gringo. Aus den Bussen schauen die Menschen uns länger als normal nach. Hawker an Strassenrestaurants springen uns in den Weg, lassen Kolumbianer aber unbehelligt. Menschen drehen sich um, manche starren förmlich. Die Szenen, die sich in Bogota abspielen, haben wir auch anderswo schon erlebt, wir sind nunmal Touristen und fallen auf. Hier in Bogota nehmen wir jedoch zum ersten mal eine Rolle ein. Die Popstarähnlichen Szenen, die Bedeutung, die wir Anscheinend haben, die Aufmerksamkeit, die wir erregen, kommt in einer Geballtheit, die wir anderswo nicht erlebt haben.

Da gleicht der Ausflug zum Polizeimuseum einer kleinen Erholungsoase. Unser Guide Paulo führt uns in Uniform durch das ehemalige Hauptgebäude der Nationalpolizei und zeigt uns alte Gefängniskutschen, Waffen und Medaillen. Höhepunkt des Besuchs ist jedoch im Keller die Ausstellung zur Verfolgung Pablo Emilio Escobars. Einst der siebtreichste Mensch der Welt, kontrollierte Escobar etwa 80% des weltweiten Kokainhandels, bevor er 1993 von Spezialeinheiten erschossen wurde.

Wie gefährlich Bogota und Medellin heute noch sind ist umstritten. Wir fühlen uns bisher sehr sicher und sehen die Löcher in den Strassen als größte Bedrohung an. Viele Gullideckel werden geklaut, um das Kupfer zu Geld zu machen. Abhilfe schaffen die neuen Hardplastikdeckel wahrscheinlich erst beim nächsten Besuch. Bis dahin muss man sich vorsichtig fortbewegen (Am ersten Tag haben wir gleich einen Unfall miterlebt. Eine junge Frau hat sich wahrscheinlich das Bein gebrochen hat, als sie durch ein Lücke in einem Gitterrost trat und fiel).
Die andere Gefahr scheint nur, dass man abhebt bei all den Blicken auf der Straße. Vorerst bleiben wir aber hier und rufen nicht: “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!”

 

La Brisa Loca

16.03.2012 – Chris

Medellin, Cartagena de las Indias, Santa Marta – Was die drei Orte aus der neuen Drei-Wetter-Taft-Werbung sein könnten, waren die letzten Stationen unseres Kolumbienaufenthaltes. Während in Medellin noch kein starkes Haarspray von Nöten war – man nennt sie auch die Stadt des ewigen Frühlings – und das Klima sehr, sehr angenehm war, blies uns in Cartagena und Santa Marta die ein oder andere heftige und ziemlich heiße Windböe ins Gesicht, die einem Fön auf Stufe 5 gleich kam.

Aber zurück zum Anfang. Nachdem wir Bogota mit einem total miserablen Bus verlassen hatten, erreichten wir am nächsten Morgen Medellin, die Stadt, die Anfang der 90er die höchste Mordrate weltweit hatte. Verantwortlich hierfür war ein gewisser Herr Escobar, der aus dieser Stadt stammte, für ein paar Jahre sogar 80 Prozent des weltweiten Kokainhandels inne hatte, zu seiner besten Zeit 1,5 Mio. Dollar täglich verdiente und ein Kopfgeld von 200 Dollar für jeden getöteten Polizisten aussetzte. Diese “hohe” Prämie animierte viele Sicarios (motorradfahrende Slumbewohner, die kurz anhalten, jemanden erschießen und dann weiterfahren) zu dieser Zeit besonders aktiv zu werden, so dass in der Stadt phasenweise bis zu 20 Menschen täglich ermordet wurden.

Allerdings wurde der Urvater des Kokains 1993 von einer kolumbianisch-amerikanischen Spezialeinheit erschossen und seitdem ist in Medellin etwas Ruhe eingekehrt. Mittlerweile hat der Ort sogar viele schöne Partymöglichkeiten zu bieten, so dass wir dort natürlich an einem Wochenende aufschlagen mussten. Die Nacht von Freitag auf Samstag wollte nicht enden und wir wurden auch nicht jünger und so waren wir beide glücklich, als der Andere ebenfalls den Samstag auf der Couch liegend und Pizza essend im TV-Raum des Hostels verbringen wollte.

Empfehlenswert in Medellin ist der botanische Garten, wo man sehr schön relaxen kann. Weniger empfehlenswert ist es, als Nicht-Kolumbianer im Stadtzentrum rumzulaufen. Wenn ich dort alles gekauft hätte, was mir auf aufdringlichste Art und Weise gezeigt und unter die Nase gehalten wurde, wäre ich jetzt stolzer Besitzer von Keksen, Popcorn, einer Sonnenbrille, Zigaretten, Ketten, einer Tasche und irgend welcher Holzschnitzereien. Auch wenn Kolumbien ein Land mit richtig tollen, netten, freundlichen und hilfsbereiten Menschen ist, diese Penetranz der Straßenverkäufer ist einfach nur ätzend.

Ein blühendes Gewerbe Kolumbiens scheint im übrigen die Prostitution zu sein. In einigen Bars sind zum Teil äußerst reizende Damen zu beobachten, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, wohingegen in Medellin auf der Straße ausschließlich Frauen stehen, die ihre Blütezeiten definitiv hinter sich haben. Torge hat es so formuliert: “Überleg doch mal! Ende der 80er waren die alle im besten Alter und die Geschäfte florierten. Escobar und sein Medellin-Kartell waren sicherlich gute Kundschaft. Die Drogenhändler sind gegangen, die Frauen sind geblieben.”

Natürlich musste in Medellin auch das einheimische Gericht ausprobiert werden. Ich teilte mir mit Torge eine “bandeja paisa”. Dabei handelt es sich um ein sehr nahrhaftes Gericht und ich weiß gar nicht, ob ich gerade noch alle Zutaten zusammen bekomme. Jedenfalls findet man auf seinem Teller gebratenes Fleisch, Wurst, Spiegelei, Bohnen, Hackfleisch, Salat, Avocado, Käse und gebratene Banane – ein richtiges Männeressen also, das durchaus schmeckt.

Weiter ging es mit einem Bus, der viel zu wenig Beinfreiheit bot, nach Cartagena de las Indias. Diese Stadt war lange Zeit der erste Anlaufpunkt aller spanischen Schiffe, die Waffen, Werkzeuge und Sklaven vorbei brachten und dafür Diamanten, Gold und sonstige nützliche Dinge mitnahmen. Kein Wunder also, dass es in der Stadt Reichtum ohne Ende gab und der ein oder ander Piratenkapitän der Stadt einen kleinen Besuch abstattete. So ließ sich 1586 Sir Francis Drake dort blicken und plünderte und vernichtete die damals noch weitestgehend ungeschützte Stadt fast komplett. Als ehrenhafter Stadtbewohner kann man sich so etwas natürlich nicht bieten lassen und so wurde die nächsten 200 Jahre lang eine Stadtmauer gebaut, die die Stadt uneinnehmbar werden ließ.

Vergewissern konnten wir uns dieser Tatsache bei der Besichtigung des Castillos San Felipe – eine gewaltige Befestigungsanlage, in der uns am allermeisten die langen, dunklen, niedrigen Tunnelgänge und die gewaltigen Kanonen interessierte, die wir gerne einmal abgefeuert hätten.

So beeindruckend es auch ist, durch die Altstadt zu laufen, die noch nahezu so aussieht wie vor ein paar hundert Jahren mit all ihren Kolonialbauten – ein nicht so schönes Erlebnis hat diese Stadt auch noch zu bieten. Für 2.500 Pesos habe ich mir bei einem Straßenverkäufer eine Dose Bier gekauft und gab ihm einem 10.000-Peso-Schein dafür. Der gute Mann meinte, ihm fehle Wechselgeld und fragte die benachbarten Händler, Zuhälter etc. ob sie ihm nicht weiterhelfen könnten. Im selben Moment kam eine Frau, von der man in Medellin sagen würde, dass sie ihre besten Zeiten hinter sich hatte, auf mich zu und verwickelte mich in ein belangloses Gespräch, welches dazu führte, dass ich meinen Verkäufer kurzzeitig aus den Augen ließ. Dieser kam wenig später zurück und verkündete mir, dass ich ihm ja Falschgeld ausgehändigt hätte und dass ich ihm nun einen anderen Schein geben müsse. Vermutlich hätte ich mit ihm eine große Diskussion angefangen, weil mir zu dem Zeitpunkt schon klar war, dass dieser falsche Schein nicht von mir sondern von ihm stammt, aber da sich just in diesem Moment 5 Leute um mich herum versammelten die alle nicht sonderlich vertrauenswürdig aussahen und nicht so aussehen wollten, gab ich dem Herren einen anderen 10.000er und war dann das erste Mal wissentlich im Besitz vom Falschgeld. Mittlerweile habe ich mich wieder beruhigt und ja….den Schein bin ich auch wieder losgeworden…

Weiter ging es nach Santa Marta mit einem ziemlich verrückten Busfahrer, der immer dort überholte, wo es sonst niemand machen würde. Dort übernachteten wir in einem Hostel, das keine Wünsche offen ließ. Passend zu den klimatischen Gegebenheiten nannte es sich “La brisa loca” und neben einem hervorragenden mexikanischen Restaurant im Erdgeschoss befand sich dort ein wunderschöner Pool, eine Dachterasse mit so richtig gemütlichen Hängematten, ein mindestens genau so gemütlicher Fernsehraum, eine Bar mit 5 Stunden Happy Hour täglich. Man musste sich schon sehr genau überlegen, zu welchem Anlass man das Hostel überhaupt verlassen wollte.

Leider zieht ein Land wie Kolumbien auch den ein oder anderen Drogentouristen an. Ein solches Exemplar hatte sich auch in unserem Hostel niedergelassen. Er sah aus, als ob er drei Nächte lang nicht geschlafen hatte, hatte ein extremes Mitteilungsbedürfnis und wenn ihm keiner zuhörte, hängte er sich ein Billarddreieck um den Hals, ließ eine Baseballkeule in seiner Hand schwingen und verletzte sich selbst an irgend welchen Ecken und Kanten. Nachdem er des nachts in seinem Drogenwahn noch irgendwelche Rucksäcke durchwühlt hatte, die ihm nicht gehörten und sein eigener zuerst nicht auffindbar war, wurde er vor die Tür gesetzt. Wir hatten unsere geliebte Ruhe wieder.

Kurzzeitige Aufregung gab es noch mal in der letzten Nacht, als Torge und ich auf der Dachterasse das Leben in unseren schwingenden Hängematten genossen und eine heftige Windböe eine von Torges teuren und geliebten Salomon-Latschen vom Dach blies, die auf einem 10 Meter tiefer gelegenen Dach liegen blieb. Was tun? Die Antwort war schnell gefunden. Zeltschnüre wurden zusammen gebunden, ein Hering verbogen und daran befestigt. Zur leichteren Orientierung in der Dunkelheit haben wir noch eine weiße Kaffeetasse daran gehängt und schwupps hatte Torge mit dem ersten Versuch das Ding am Haken. Er muss nun also nicht wie ein bekannter Glöckner auf einem Schuh durch die Welt humpeln. Der Improvisation sei Dank!

mmmmmh BunuelosTorge und ValderamaChris im Nationalmuseum: Sonderausstellung FussballKolumbianische Cola schmeckt nichtTeleferico zum CerroChris schaut auf BogotaBogota von obenSchneeweiße BlumenPlaza Bolivar, BogotaPlaza Bolivar, BogotaPlaza Bolivar, BogotaChris mit altem PolizeimotorradTorge vor alter GefängniskutscheTorge wird verhaftetPablo Escobar schenkte diese Harley seinem NeffenGoldverzierungenTorge relaxt in der HängematteTorge gaaaaanz entspanntDas Chocolate Hostel in Bogota ist empfehlenswertDie besten Empanadas von ganz Südamerika, mit AbstandTorge vor GrafittiChris lässt beim Straßenschach in Bogota nichts anbrennenLola und MaracujaBandeja PaisaStäbe auf Platz in MedellinPlaza in MedellinChris küsst FischChris mit kolumbianischen NationalstolzChris auf FestungTorge mit kolumbianischer FlaggeKolumbienKolumbianischer ZweierbobFestung San FelipeBlick aus Festung auf FlaggeVermummter BauarbeiterCartagena AltstadtCartagena AltstadtCartagena AltstadtKutsche in AltstadtCartagena Bananos und ReiseguideChris mit Wilson auf dem Weg zum StrandPlayaArrecifesIn Arrecifes darf man nicht schwimmenWilson darf man auch mal tretenArrecifesSteineCabo im Tayrona NationalparkAussichtsturm in CaboPalomino Schlafplatz in HängemattenKokosnüsseBoot in kolumbianischen FarbenParadies mit bedecktem HimmelChris geniesst mit AguilaLa Brisa Loca HostalRegeln im Brisa LocaPool