Japan

Das Tokyo-Protokoll

02.07.2012 – Chris

Während man bei American Airlines auf dem Flug von Los Angeles nach Honolulu wie Vieh behandelt wurde (kein Essen, steinzeitalterliche Stewardessen treten einem mit Absicht gegen die Beine, generelle Unfreundlichkeit), demonstrierte uns Japan Airlines auf dem Flug Honolulu-Tokyo, dass es auch ganz anders geht. Eine hervorragende Getränkeauswahl, spitzenmäßiges Essen und junge, gut erzogene Stewardessen, die bei jeder noch so kurzen Konversation mindestens dreimal “Danke” und “Bitte” sagten. Da war sie also, die japanische Höflichkeit und Gastfreundlichkeit, von der wir zuvor so viel gehört hatten. Es gibt sie tatsächlich.

Lediglich drei Tage standen uns für das Erkunden Tokyos zur Verfügung. Die folgenden Absätze sollen einen kurzen Überblick über unser straffes Sightseeing Programm geben.

Nach dem Verlassen des Flughafens fasziniert zunächst Tokyos Metro. Gewaltige Menschenmassen schieben sich durch die Tunnelgänge. Wer stehen bleibt, hat verloren. Mal ist es Links- mal Rechtsverkehr. Man weiß es nie so genau. Überall sind merkwürdige Hieroglyphen an die Wände gemalt, die einem den Weg lotsen sollen. Es ist besser, sich an den Farben der jeweiligen Metrolinie zu orientieren. An den Decken sind graue Kästen angebracht. Alle paar Sekunden kommen dort unterschiedliche Vogelgeräusche heraus. Alles in allem sind sie ziemlich nervig – insbesondere der Kuckuckslaut – aber den Blinden soll es dabei helfen, sich in den Gängen zu orientieren. Weiterhin auffällig: Keiner redet. Vielmehr sind 95 Prozent der Fahrgäste damit beschäftigt, auf ihrem Handy oder auf anderen eletronischen Geräten herumzuspielen. Die restlichen fünf Prozent schlafen – im Sitzen oder auch im Stehen oder in den Halteleinen eingewickelt. Sollte es passieren, dass herumalbernde Kinder über die Stränge schlagen, nimmt der allgemeine Fahrgast es stillscheigend hin. Gesagt wird nichts. Sollte die Situation eskalieren, setzt sich der gestörte Fahrgast einfach weg. Oder Mutti kommt vorbei und zieht die beiden Störenfriede an den Ohren weg. Es sind allerhand Verhaltensweisen auszumachen, die man aus Deutschland so nicht kennt.

So musste ich auch lernen, dass man seine Stäbchen nicht in den Reishaufen steckt – das macht man nämlich nur bei buddhistischen Begräbnisritualen. Zum Begrüßen und Bedanken wird sich verbeugt und nochmals verbeugt. Keine Hand wird gegeben, dafür wird man um so länger und intensiver angelächelt. Die Freundlichkeit steckt an und schon nach kurzer Zeit sind auch wir gut gelaunt durch die Straßen Tokyos geschlendert.

Am ersten Abend verschlug es uns in einen japanischen Imbiss. Abgesehen davon, dass wir unsere Bestellung in einen Automaten eintippen mussten (glücklicherweise helfen hier Abbildungen der Menüs), bediente uns doch tatsächlich ein Japaner, der acht Jahre lang in Österreich gelebt hatte. Die erste Sprachhürde hatten wir somit genommen. Zurück im Hostel mussten wir noch daran denken, unsere Schuhe im Flur auszuziehen. Das macht man in Japan nun mal so.

Der nächste Morgen: der Auftakt für “Tokyo für Kurzzeitangereiste”. So wird’s gemacht:

1. Fahrt nach Asakura und Besuch des Senso-Tempels (Hände und Mund waschen, sich mit Räucherstäbchen beweihräuchern, vorm Tempel zweimal in die Hände klatschen, damit Gott weiß, dass man da ist, Geld in einen Kasten schmeißen und tschüß), danach Sushi essen und dabei Sojasoße mit grünem Teepulver mischen, das man fälschlicherweise für eine Art Trockenwasabi gehalten hat.
2. Foto vom 634 Meter hohen Sky Tree, dem zur Zeit zweithöchsten Gebäude der Welt, knipsen (nicht so spektakulär).
3. Besuch des Sony Buildings, um sich von wunderschönen Hostessen erklären zu lassen, wie die Technik von morgen aussieht und funktioniert.
4. Überquerung der Shibuya-Kreuzung (die meistbegangene Straßenkreuzung der Welt, abgefahren!)
5. Besuch des Meiji-Jingu Tempels, der viel schöner ist als der in Asakura.
6. Beobachten von Grufti-Girls beim Shoppen in Harajuku. Der Kleidungsstil vieler junger Japanerinnen, denen man in diesem Stadteil begegnet, dürfte einmalig auf der Welt sein. Die besonders extrovertierten Mädels verkleiden sich als Zimmermädchen, Krankenschwestern, Punkerinnen. Sind von oben bis unten wie Püppchen geschminkt und haben Mutti zuhause sicherlich nicht erzählt, wie sie in ihrer Freizeit so rumlaufen.
7. Walk über die Einkaufs- und Prunkstraße Omote Sando
8. Jetlag-Powernapping ab 17 Uhr für 2 Stunden, das ungeplanterweise bis 23:38 Uhr ausgedehnt wird.
9. Fahrt mit der vorletzten Metro (siehe 8.) ins Partyviertel Roppongi und mit durchgeknallten, feierlaunigen Japanern im Club tanzen und trinken
10. Verfolgung des EURO 2012-Halbfinale Deutschland-Italien um 03:45 Uhr morgens in einer Sportsbar und vor Schock erstarren, als Italien 2:0 in Führung geht und der hinter einem stehende Italiener vor Freude fast einen epileptischen Anfall bekommt und die Zunge noch tiefer in den Hals seiner japanischen Freundin steckt!
11. Besuch des weltgrößten Fischmarktes in Tsukiji nach einer der größten und unerwartetsten Niederlagen in der deutschen Fußballgeschichte. Dort galt es, sich im niedergeschlagenen Zustand nicht im geschäftigen Treiben überfahren lassen, übermäßig großen Thunfisch zu fotografieren und sich darüber aufzuregen, dass es keine Fischbrötchen oder Nordseekrabben zum Frühstück gibt. Wir vermissen Hamburg, unsere Perle, die wunderschöne Stadt!
12. Schlafen, bis drei Stunden später die Hostel-Putzfrau mit dem Staubsauger durch unseren Kopf düst.
13. Essen fassen – im erstbesten Foodcourt japanische Nudeln futtern – ein Genuss!
14. Feststellen, dass der ultimative Nervenkitzel im Vergnügungspark ausbleiben wird, weil die spektakulärste Achterbahn geschlossen ist, alternativ werden zwei junge Japanerinnen 7:6 im Airhockey geschlagen. Wäre doch das Halbfinale auch so ausgegangen.
15. Austesten der neuesten Games in der “Electric City” und Verrückte dabei beobachten, wie sie auf blinkenden Pfeilen hin- und herhüpfen bzw. sich mit megamäßigen Wummen in virtuellen Welten abballern.
16. Beeindruckt sein von den Ausmaßen des Rotlichtviertels Kabukicho und feststellen, dass “Tokyo Hotel” noch lange nicht am Ende sein kann, denn alle Stricherjungen, die sich an den Straßenecken verdingen, sehen genau so aus wie Bill.
17. Lesen der Mail von unserer persönlichen Reiseassistentin Ramona von STA Dresden am nächsten Morgen, in der sie uns in Kenntnis setzt, dass der anstehende Flug nach Bangkok von Japan Airlines storniert wurde, da wir angeblich den vorherigen Flug von Hawaii nach Japan gar nicht angetreten hätten. Hallo?!?!
18. Entwarnung am Flughafen – Wir dürfen nach Bangkok fliegen!

Zusammenfassend haben wir aus der Kürze der Zeit sicherlich das Beste für Tokyo herausgeholt. Es war sehr anstrengend, aber jetzt haben wir ja zwei Wochen Zeit, um uns in Bangkok bei Thai-Massage etc auszuruhen. Was soll man da auch sonst machen?

Asakura TempelRauch zur ReinigungSushi am laufenden BandmmmmmmhMeistbegangendste Kreuzung der WeltCrepeKleines Mädchen großes TorSpiegelTempelTempelLost in TranslationWas?Sky TreeChris ist 634m großOhne WorteTokyo U-BahnKniestrümpfeRuheWasser zur Reinigung vor dem BetenMädchen mit GroßvaterFashionRed Bull vor der langen NachtCuba Libre während der langen NachtCheeeeeseMädchen mit FliegeFischmarktFischmarktSushi SchlüsselanhängerFischmarktFischmarktU-BahnDie Achterbahn hatte leider geschlossenChris