Brasilien

Checkpoint Culture 2

12.02.2012 – Torge

Brasilien, für viele der Inbegriff für braungebrannte Schönheiten, guten Fussball, tropische Strände und Caipirinhas. Andere denken eher an die Abholzung der Regenwälder rund um den Amazonas, die Armut und Kriminalität in den Favelas, Prostitution und deutsche Sextouristen, sowie die Frage warum das Land seit Jahrzehnten nie so richtig den Sprung aus der Kategorie “Schwellenland” geschafft hat.

Brasiien hat zwei Gesichter. Man fühlt die ausgelassene Fröhlichkeit der Brasilianer, wenn man nur hier ist. Man schmeckt die unzähligen leckeren Früchte und andere Delikatessen, wie Feijoada (Fleischeintopf), Churasquinhos (Fleischspieße), Coxinhos (Hühnchen-Käse-Bälle) und Bolinhos (gefüllte Teigbälle). Man hört den Rhythmus von Samba, Funk und Axé, der durch die Strassen gleichermassen hallt, wie er durch die Adern der Brasilianer pumpt. Man sieht die Schönheiten, die sich am Strand räkeln, in den Balladas (Discos) tanzen, oder in Lanchonetes (Cafes) den Tag vorrüberziehen lassen.

Wenn Brasilien sein anderes Gesicht zeigt, möchte man am liebsten wegschauen. Gleich am ersten Tag in Sao Paulo lugte es kurz hervor. Beim abendlichen Spaziergang im Libertade Viertel, eigentlich eine sichere Gegend in Sao Paulo, wurde uns zur Begrüßung eine Straßenschlacht geboten, etwa 30 Personen schlugen sich mit Stöcken, und allem was sonst noch zur Verfügung stand, die Köpfe ein. 5 Minuten später wurden wir Zeugen eines zum Glück glimpflich ausgegangenen Motorradunfalls. Schrecksekunden, die uns auf die Gefahren in diesem Land aufmerksam machten. Der nächste Tag im Reichenviertel zeigte, wie sich die Oberschicht von der Unterschicht abschottet: Mauern um Häuser oder Stadtviertel, Stacheldraht, Elektrozäune, Sicherheitspersonal, Kameras. Man tut, was man kann.

Neuigkeiten kursieren: In Salvador streikt die Polizei, die Mordrate hat sich von einem Tag auf den anderen verdoppelt. Hier wollen wir in ein paar Tagen Karneval feiern, gemeinsam mit einer halben Million Touristen und ein paar Millionen Brasilianern. Plünderungen, Gewalt und Totschlag stehen plötzlich auf der Tagesordnung, die Miitärpolizei wird in die Region geschickt, ohne große Wirkung. Das andere Gesicht Brasiliens ist dreckig, böse und gemein. Es kann einem die Fröhlichkeit, die Delikatessen, den Rhythmus und die Schönheit dieses Landes vermiesen. Man weiß nie, wann sich welches Gesicht zeigt.

Der Karneval beginnt, die Polizei arbeitet wieder, die Lage ist unter Kontrolle, wir sind guter Dinge, wir lieben das Land und die Leute, wir genießen Caipis und Coxinhos, der Strand hat uns gebräunt und ein bißchen schöner gemacht, ja, mit einem kleinen Augenzwinkern könnte man sogar meinen, wir hätten Rhythmus im Blut. Zumindest waren wir gestern im brasilianischen Fernsehen zu sehen, wie wir zu Sambamusik einen Walzer getanzt haben. Wir machen es wie die meisten Brasilianer. Wir ignorieren das böse Gesicht des Landes. Dadurch steigt kurzfristig die Lebensqualität, und man kann gelassener in den Tag hineinleben.

Dem Land selbst hilft dies natürlich nicht. Abschotten und ignorieren verändert nichts! Grundlegendere Veränderungen sind notwendig. Der Sozialstaat lebe hoch! Zu klar sind hier die Klassengrenzen gezeichnet. Brasilien bleibt an der Schwelle hängen, weil es eine verarmende und kriminelle Unterschicht nicht mitschleppen kann. Auf der brasilianischen Flagge steht “Ordnung und Fortschritt”. Ein bßchen davon könnte auch nicht schaden. Doch als Reisender kann man sich nicht mit allen Problemen herumschlagen, geschweige denn diese in Angriff nehmen. Abschotten, heraushalten, ignorieren, weglaufen sind die Rezepte, die wir uns verschrieben haben. Möge uns die Polizei in Bahia dabei helfen, wir werden es mit Fröhlichkeit danken.

 

Brasilianische Büttenrede

26.02.2012 – Torge

Ivete Sangalo singt zu früh
Aufzustehen bereitet Müh
Bis zum Carnaval ist es nicht weit
Doch für Kater haben wir keine Zeit

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Weiße Kriegsbemalung auf brauner Haut
pirririmbombom – Timbalada trommelt laut
Hitze, Schweiss und geiler Beat
Arschgewackel bei jedem Lied

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Der Twister Bloco zieht vor uns weiter
Alegria – alle tanzen heiter
Afro-Rhythmus von Barra nach Ondina
und Menschenmassen wie in China

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Rausch und Durst geben sich die Hand
hat der Bierverkäufer schon erkannt
4 Skol für 5 Reais
Das ist mal ein Preis!

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Rempel-Schubs – Taschen sind entleert
Kein Problem, wir sind unversehrt
Das meiste Geld ist in den Socken
ist dort sicher während wir rocken

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Militärpolizei maschiert durch die Menge
und schafft Ordnung im Gedränge
Ab und zu ‘ne Schlägerei
da sind wir lieber nicht dabei

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Bis zu den Knöcheln stehen wir im Dreck
Blase entleeren – und schnell weg
Ganz Salvador wird zum Urinal
Ignorieren, sonst wird’s zur Qual

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Wir schauen uns Gatinhas an
Da ist vorne und hinten einiges dran
Zwischendurch Churrasquinhas mit Queijo
Danach verteilen wir noch ‘nen Beijo

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Das letzte Trio heizt uns ein
bis zum Schluss – so soll es sein
feiern bis zur Müllabfuhr
Morgen wiederholt sich die Tortur

tätäääää tätääää tätääääääääääää

Zum Verständnis:
Ivete Sangalo: Einer der größten Stars des Karnevals in Bahia
Pirririmbombom: Hit-Dauerbrenner seit Jahren, sehr rhythmisches Lied
Timbalada: Die populärste Afro-brasilianische Band, die durch ihre Bemalung und Kostüme auffallen
Twister: Name eines Blocos
Bloco: Abgesperrter Bereich um die LKWs herum, auf denen die Bands den Massen einheizen
Alegria: Portugiesisch für Heiterkeit, Freude
Barra: Stadtteil in Salvador, wo wir wohnen und wo die Blocos losfahren
Ondina: Stadtteil in Salvador, wo die Karnevalsstrecke aufhört
Skol: Brasilianische Biermarke, schmeckt wie Limonade, von daher auch mir
Reais: Brasilianische Währung, Kurs liegt in etwa bei 2,3 Reais pro Euro
Gatinhas: Brasilianisch für schöne Mädchen, übersetzt: Kätzchen
Churrasquinho: Brasilianisch für Fleischspieß
Queijo: Käse
Beijo: Kuss
Trio: So heißen die LKWs, mit den Bands drauf

SandschönheitenUnser neuer Reisekumpel: Wilson (Wilsinho)Aussicht vom RedeemerChris und ChristoChristo RedeemerRio de JaneiroChris und RioEin letzter Blick auf den ErlöserBine und ein deutsch sprechender BrasilianerChris mit neuem Tatoo3 Tiger :)Chris, Bine und Torge beim Vor-Karneval in IpanemaChris relaxt am StrandChris und Torge am StrandWetter sieht gut ausTorge Toddynho Fischer